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Leserbrief ans Handelsblatt

Aus beruflichen und finanziellen Gründen lese ich ab und an das Handelsblatt. Erschreckend dabei ist, dass dieses “liberale” Blatt zunehmend linker, im Sinne von volksfeindlicher wird. Manchmal ist das nicht mehr zu ertragen und man muss sich auch mal wehren. Deshalb habe ich Frau Riedel (diese Frau müsste eigentlich einen Doppelnamen tragen, aber vermutlich lebt sie unverheiratet in einer 2-Zimmer-Wohnung am Wannsee) einen Leserbrief geschrieben. Aber zunächst der Ausgangsartikel:

 

Die fatale Angst der Konservativen

Es ist höchste Zeit, dass Angela Merkel ihren eigenen Leuten endlich den Euro erklärt

Donata Riedel ist Korrespondentin in Berlin. Quelle: Pablo Castagnola

Donata Riedel ist Korrespondentin in Berlin.

Seit sie in ihrer schwarz-gelben Wunschkoalition regiert, versucht die Kanzlerin, einerseits die konservativen Euro-Skeptiker in Deutschland ruhigzustellen und andererseits auf EU-Ebene die Euro-Krise in den Griff zu bekommen. Dabei kommt ein gefährliches Kommunikations-Chaos heraus: “Wir geben nichts oder höchstens mal ganz wenig”, heißt es beschwichtigend nach innen. Und nach außen: “Selbstverständlich tun wir alles Notwendige, um den Euro zu retten.” Weil das eindeutig nicht zusammenpasst, sind “die Märkte” nervös.

Sie werden es bleiben, solange Merkel nicht endlich innenpolitisch die Kraft aufbringt, den eigenen Leuten ihre altmodischen Illusionen zu nehmen. Diese Illusionen heißen: Die “No-Bail-out-Klausel” im Maastricht-Vertrag gilt. Und: Eine Transfer-Union wird es nicht geben. Beides meint das Gleiche: Kein Euro-Land muss für ein anderes zahlen. Das funktionierte, solange kein Land in Not war und niemand an eine Weltfinanzkrise dachte. Heute jedoch wirkt diese Ideologie so, als würde man der Feuerwehr verbieten, den Brand beim Nachbarn zu löschen – es könnte ja Geld kosten -, um sich anschließend zu wundern, dass das Feuer auf das eigene Haus überzuspringen droht.

In der Euro-Krise lässt sich seit einem Jahr beobachten, dass es immer erst brenzlig riechen muss, bevor die Euro-Regierungschefs ganz schnell am Wochenende Rettungspakete schnüren. Jedes Mal war es Merkel, die zögerte und zauderte, mit Blick auf die eigenen Reihen.

Dort pflegen erstaunlich viele eine Sicht der EU, wie sie dereinst vor der Euro-Einführung im Jahr 1998 Realität gewesen sein mag. Leidenschaftlich debattieren die zumeist älteren Herren über die Schuld der Griechen an ihrer Lage sowie die Fehler und Versäumnisse in südlichen Ländern; ganz so, als könnte man die Fehler ungeschehen machen und als gäbe es einen Rückweg in vermeintlich selige D-Mark-Zeiten.

Doch selbst wenn Deutschland aus dem Euro austreten würde, wäre die neue Mark nicht die alte: Sie würde sofort gegenüber dem schwachen Rest-Euro so sehr aufwerten, dass wenig übrig bliebe von der Exportnation, vom neuen deutschen Jobwunder und der Wachstumslokomotive der EU. Vielleicht müsste Deutschland nach dem Verlassen der Euro-Zone die Industrie sogar mit Importzöllen schützen und würde damit eine neue Ära des Protektionismus einläuten. In den 1930er-Jahren wurde so aus der Rezession die Depression.

So, und nicht wie die D-Mark der 1990er-Jahre, sieht sie aus, die Alternative zur Euro-Rettung. Schneller gelingen würde die Krisenbewältigung mit einem klaren Bekenntnis zur Transfer-Union: Je eher – mit deutscher Hilfe – Griechenland, Irland und Portugal ihre Schuldenkrisen überwinden, desto besser sind die Wachstumsperspektiven bei uns. Merkel sollte dies klar beschreiben, anstatt jede Rettungsrunde fälschlich “alternativlos” zu nennen.

Zunächst kurz zur Vita von Frau Riedel, damit wir wissen, mit wem wir es zu tun haben:

Jahrgang 1961. Themenschwerpunkt Finanz- und Wirtschaftspolitik.
Studium der Journalistik und Politikwissenschaft, Uni Dortmund. Volontariat Westdeutsche Zeitung Düsseldorf 1983/84.
Freie Journalistin für WDR Dortmund, NDR Hamburg. Von 1988 bis März 1995 Redakteurin der taz, zuletzt Ressortleiterin Wirtschaft.
Beim Handelsblatt zuerst Ressort Unternehmen und Märkte in Düsseldorf, Branche Telekommunikation.
Seit 2003 Wirtschaft und Politik in Berlin, Finanzen seit Mitte 2004.

Nun zu meinem Leserbrief:

Sehr geehrte Frau Riedel,

nun möchte ich, ob Ihres Angriffes auf die zumeist “älteren Herren”, Ihnen mal die Sicht eines noch jungen Herren näherbringen, der, vielleicht im Gegensatz zu Ihnen, das Wohl der (eigenen) Kinder im Auge hat. Ihr “Bekenntnis” zur Transfer-Union mag ja leicht über die Lippen gehen, wenn man es aus der Perspektive einer linksliberalen Elite betrachtet. Dieser ist es möglich, beim Scheitern der Euro-Illusion, jederzeit das Land, das für andere Feuerwehr spielen soll, zu verlassen.

Genau in diesem Deutschland lebt man bis zum Ende der Republik, das dank Facharbeitermangel, völliger Vergreisung und einer nachwachsenden, mehrheitlich ethnisch fremden Generation, deren Schulniveau man überwiegend als BILDung, aber nicht als Bildung bezeichnen kann, unweigerlich kommen wird, seine ideologischen Träume. Einen solchen Traum von der Transfer-Union propagieren Sie im zunehmend realitätsfernen Handelsblatt. Sie sind im geburtenstärksten Jahrgang nach dem Krieg geboren; für Sie und viele andere, häufig Kinderlose, muss die junge Generation arbeiten gehen. Wir müssen Ihre Rente erarbeiten und mit Steuern und Abgaben die ideologischen Träumereien bezahlen, die Ihre Nachkriegseltern uns in den heutigen 68er-Schulen hinterlassen haben. Für Sie als starke Wählergruppe wird die Republik noch sorgen – daran, dass sie für unsere Kinder ein, auch in den Großstädten, sicheres Leben in Wohlstand bieten kann, glaubt heute niemand mehr.

Und diese altersschwache, völlig zerstückelte und im Materiallismus versunkene Republik soll nun auch noch das Renteneintrittsalter der Griechen (52 Jahre), die Immobilienblase der Iren und die Kreditspielereien der Spaniern bezahlen? Oder sollte ich besser sagen: die Interessen der Gläubiger dieser Staaten befriedigen! Ein Land mit der niedrigsten Geburtenrate Europas! Da kann man wirklich sagen: Schuften bis in den Tod.

Wäre ich ein ähnlicher Chauvinist wie Sie, würde ich mich zu der Bemerkung herablassen, dass Frauen in den Wechseljahren noch nie etwas von Geld verstanden haben und man es Ihnen erklären müsse. So stelle ich mich jedoch nur auf die Seite der alten Herren und danke diesen für ihr Engagement. Ihnen Frau Riedel wünsche ich, dass Sie in Berlin verweilen, wenn der BRD-Sozialstaat endgültig zusammenbricht. Sie werden sich dann, nicht nur um Ihres teuren Autos willen, wünschen, dass die Feuerwehr im eigenen Land geblieben wäre, anstatt in Europa zu löschen.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr T.R.

Diesen Leserbrief finden Sie auch unter https://voxpopuliblog.wordpress.com/2010/12/02/leserbrief-ans-handelsblatt/

  1. Universum
    December 2, 2010 at 4:13 pm

    Dieser Leserbrief gefällt mir, wobei ich aber irgendwie bezweifle, dass jemand wie diese Frau den Inhalt WIRKLICH verstehen kann…

    Solche weltfremden Leute glauben auch an einen “Aufschwung”, an “Wachstum” und “Lokomotive Deutschland”, obwohl es in Wirklichkeit seit weit über 20 Jahren nur noch bergab geht…

    Ich kann mir auch schon richtig gut vorstellen, wie diese Frau ernsthaft behaupten würde, dass die Deutschen doch viel krimineller als die Ausländer seien, wenn man sich mit ihr mal über Ausländerkriminalität unterhalten würde…

  2. Dietmar
    December 2, 2010 at 4:35 pm

    Frauen an die Macht, und Ihre heile Welt wird noch schneller zusammenbrechen.

  3. Grafenwalder
    December 2, 2010 at 5:58 pm

    Es wird wohl so kommen, wie frei Riedel sagt. In diese Richtung äußerte sich auch Kampeter (CDU) vom Finanzministerium. Siehe: http://bunzelrepublik.wordpress.com/2010/12/02/warum-darf-herr-sinn-noch-im-gez-tv-sprechen/

    • Grafenwalder
      December 2, 2010 at 5:59 pm

      “Frau Riedel”

  4. Romantiker
    December 2, 2010 at 7:50 pm

    Find ich eher durchschnittlich.
    Auf den Fehler im Eurokonzept selbst, seinen Nachteil für Deutschland und das man Menschen gemachtes auch wieder zurück ändern kann, hättest du anbringen können.

    • December 5, 2010 at 10:57 am

      Man kann ja in einem Leserbrief auch nicht die ganze Welt erklären. Den Fehler machen “Rechte” gerne: Nur weil man die Wahrheit hinausposaunt, ist das keine Erfolgsgewissheit. <b<Man muss die Wahrheit auch verkaufen! Und daran, siehe meine rhetorische und mediale Säule, fehlt es uns noch gewaltig.

  5. +Kreuz+
    December 2, 2010 at 10:13 pm

    “Schneller gelingen würde die Krisenbewältigung mit einem klaren Bekenntnis zur Transfer-Union

    Und dieser Satz hat wirklich im Handelsblatt gestanden? Unglaublich…

  6. sigurd
    December 4, 2010 at 9:39 am

    Das Argument,eine starke Deutsche Mark würde den Export behindern und damit der deutschen Wirtschaft schaden,ist einfach falsch.Auf die Qualität der Produkte kommt es an,dann dürfen die auch teurer sein.Das war schon in der D-Mark-Zeit so.Das US-Handelsdefizit wird nicht geringer,egal wie wenig der Dollar wert ist.Es liegt an der Qualitiät der Produkte.Und den billigen US-Ammischrott braucht eben niemand auf dieser Welt,was letztendlich auch der Grund dafür ist,daß sie,im Gegensatz zu China,ihre Ressourcen auf dieser Welt durch Kriege zusammenrauben müssen.Nur,wie schon an anderer Stelle erwähnt,wird ein Auseinanderdividieren und das Rückführen einer Währungseinheit in unterschiedliche Volkswirtschaften gemäß historischer Gesetzmäßigkeit nicht auf friedlichem Wege von Statten gehen.
    Daß es falsch ist,am Euro festzuhalten,weil durch eine starke Neue D-Mark der Export einbrechen würde,begründen die Professoren Hankel,Nölling,Schachtschneider und Starbatty in der Berliner Pressekonferenz vom 7.Juli diesen Jahres,auf die ich hiermit hinweisen möchte.Suchwort “Schutzschild rettet Währungsunion nicht”

    • sigurd
      December 4, 2010 at 9:53 am

      Statt “Schutzschild” muß es “SCHUTZSCHIRM etc.,Pressekonferenz” heißen.Entschuldigung.

  7. Berti Stein
    December 7, 2010 at 3:56 pm

    Super geschrieben, nur wird sich diese Emanze durch den Leserbrief wahrscheinlich noch bestätigt fühlen. Manche Menschen sind eben resistent.

  8. Fuchs
    December 10, 2010 at 2:56 pm

    Das Handelsblatt war mal eine Wirtschaftszeitung, heute ist sie dem gleichgerichteten Propagandaverbund angeschlossen.

    Je stärker sie die Propagandatrommel rühren müssen, desto schwächer sind sie.

  1. December 3, 2010 at 6:55 am

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